Aufgeraute Freiheit?

von Helene Schaefermeyer

“Freiheit ich will dich aufrauen”, so lautet der Beginn des Gedichtes der Schriftstellerin Hilde Domin, welches zum Thema der Cusanus Herbstakademie 2016 wurde. An diesem Thema — das als lyrischer Gedichtanfang die Herbstakademie fortführte und ihr zu ihrem zweiten Geburtstag verhalf — ist zweierlei auf bemerkenswerte Weise interessant: Zum einen, die gigantische Aufgabe dieses akademischen, künstlerischen und sozialen Unterfangens, nämlich zu dem Begriff der Freiheit etwas denken und sagen zu können, was zweifelsohne noch nie zum leichten philosophischen Metier gehörte, zum anderen, die merkwürdig anmutende Formulierung die Freiheit “aufrauen” zu wollen. Was lässt sich unter “aufrauen” verstehen? Was fordert Hilde Domin, wenn sie eine rauere Freiheit fordert? Eine “glasplittergespickte” Freiheit sogar? Kann man etwas aufrauen, um es vor Glätte zu bewahren? Vor Belanglosigkeit? Nicht zuletzt vielleicht vor der eigenen Fraglosigkeit? Hilde Domin verrät in ihrem Gedicht über die Freiheit nichts, sie definiert sie nicht neu, sie fordert laut und dringlich Aufgerautheit. Diese Forderung als Herausforderung, diese Fragen nehmen rund 80 interessierte Menschen nicht bloß offen, sondern mutig an, um sechs Tage lang in der Ökonomie, der Philosophie und der Kunst, jener glatten oder rauen Freiheit auf die Spur zu kommen; wobei jedoch die Frage nicht lautete: Was ist Freiheit? Und erst recht nicht: Bin ich frei? Vielmehr könnte die Frage folgendermaßen gelautet haben: Wie wird ein Mensch, wie werde ich, freiheitsfähig? Es ging also nicht um einen Zustand, nicht um eine neue Definition, sondern allenfalls um eine Fähigkeit, neu und immer neu zu definieren, zu korrigieren, zu kontextualisieren, der Freiheit einen Freiraum zu schaffen im Zusammenspiel von Wort und Begriff.

Nicht nur das gute Wetter und die grüne Höhe auf der in fast unverschämter harmonischer Schönheit die Jugendherberge erstrahlte, machte die Veranstaltung zu einem Freiheitsforschungsort, auch die vielen Beiträge, Diskussionen, ob am Mittagstisch, beim Kaffee oder Abendprogramm, ermöglichten, dass ausgerechnet zweierlei gelang: Erstens, über Freiheit etwas zu sagen, sie “überdenkbar” zu machen, ohne dabei all zu sehr in den bequemen Bahnen der philosophisch-historischen Hauptstraßen zu gehen. Zweitens, eine Fragwürdigkeit als Aufrauen zu ermöglichen, die nicht von Distanz und Verständnislosigkeit zeugt, sondern von einer Nähe als Anfang alles Verstehens. “Aufrauen” hieß für die Cusanus Herbstakademie, blickfähig zu werden für die Ecken und Kanten des Freiheitsbegriffs.