Von Äpfeln, Birnen und anderen Blumen – Rückblick auf unsere 2. Herbstakademie

von Paulus Schürmann
Wozu das Wort ergreifen, Vergangenes hervorzurufen, Gewordenes erneut zu beschwören sich zu zeigen und damit sich dem forschenden interpretierenden Auge auszusetzen? Um Vergangenes gleich einem Bade zu genießen? Um sich an etwas festzuhalten? Um das Vergangene festzuhalten, es nicht zu verlieren? Um das Vergangene für heute und für die Zukunft fruchtbar werden zu las­sen? Usf. All das können Motive sein für einen Rückblick. Und diese können unendlich fortgeführt werden.
Wenn also an diesen irgendwas war, dass es wert zu sein scheint, festgehalten oder betont zu wer­den, zu einem Zeitpunkt, da es vorbei ist, dann muss es doch gefunden und ausgesprochen, das heißt in Worte gefasst werden! Also wollen wir keine chronologische Erzählungen mit allen Einzel­heiten erzielen, sondern einige wirklich wichtige Höhepunkte herausgreifen; diejenigen, die vielleicht weitreichendere Folgen haben und diejenigen, die erst wirksam dadurch werden, dass sie in Worte gefasst werden.
Im Getümmel vieler Menschen regt sich der Einzelne. Das vorzugreifen Mögliche, das möglich Vorzugreifende wurde versucht. Der Rahmen oder das Programm: 5 Tage, Mahlzeiten, Abwechs­lung in Vorträgen, Kursen, Open Space, Plena und Abendprogramm; dazwischen morgendliches Singen zum Aufwachen und gemeinsam mal was tun, angeregtes gemeinsames Putzen, Anrichten, Abwaschen, Schnibbeln usw. Alles von den Organisatoren Antizipierte wurde in dem Bewusstsein geplant, es in dem Moment der Umsetzung in die Verantwortung aller zu legen. Auch der Vortrag eines Referenten. Der Vortrag ist somit ein aktiver Raum des Hörens und Sprechens. Somit schon gar nicht nur in der Verantwortung des Referenten. Die Kurse sind noch ein Stück mehr in die Ge­meinschaft hineingetragen. Einzelne Menschen wurden angesprochen, durch Anbieten eines durch­laufenden Kurses einen antizipierenden Beitrag zu leisten, der im Moment der Tagung jedoch auch zum Gemeinschaftsprojekt aller wurde. Und jetzt noch im Nachhinein und im Nachklang aller im­mer weiter Gemeinschaftsprojekt sein wird, bis auch der letzte Tropfen irgendeiner damit in Zu­sammenhang stehenden Aktivität verflossen ist. Da das aber in einer Ewigkeit sein wird, da jede Handlung aus einer anderen heraus sich ergibt und zu dieser in irgendeinem wenn auch kleinsten Zusammenhang stehen wird, bleibt es ein gemeinsames Werdendes und steht im Strom der Zeit nun drinnen als herbstakademische Qualität. Auch die Zeit vor der Herbstakademie ist damit Ge­meinschaftsprojekt aller, denn nur aus der jeweiligen Gegenwart aller ist auch alles Vergangene zu verstehen. Doch zurück oder weiter.
Das Bedeutende ist das Gespräch, das gemeinsame Sich-hinwenden, Hinhören, Fragen und Den-Fragen-Nachlauschen. Zur Herbstakademie kam keiner, um etwas Produziertes zu kaufen und zu konsumieren. Selbst wenn er gewollt hätte, so hätte er es nicht über die ganze Woche durchgehal­ten. Zu lebendig war das Miteinander, zu ermöglichend jeder Moment, ob in den Kursen, in den Pausen, in den Nächten; zu nachfragend die Tagung selbst: Was denkst denn du? Wer bist du über­haupt? Was willst du hier? Hörst du mir zu? Was sagst du da?
Die Gratwanderung lag vielleicht in der Geburt der Tagung, vielleicht aber auch einfach nur am Gelingen des guten Essens und an der Beständigkeit des ebenfalls wunderbaren Wetters. Vielleicht lag die Gratwanderung aber auch in jedem Einzelnen. Wie holt man denn so eine Masse Mensch, um einmal diesen Bruch zu wagen, in einen Kreis angesprochener, angefragter, angeschauter Indivi­duen? Von A bis Z nur Menschen! Es braucht Leben, einen lebendigen Spirit, ob der nun im Wein liegt oder in der Luft, der die Menschen zusammenholt. Es braucht eine gemeinsame Geschichte. Diese war je­doch noch nicht geschrieben, drum musste sie erfunden werden. Diese Idee, einen Raum zu öffnen, in dem sich eine Geschichte entwickeln könne, in dem eine Geschichte ja erst entstehen könne, – un­ter diesem Stern stand der ganze erste Tag und wohl unsere ganze Motivation als Orga-Team. Wie fünf Zeitlose um ein unbeschreibliches Noch-nicht standen wir in den vielen Wochen der Planung und griffen an jenem Tag beherzt in unsere Mitte und zogen an dieser unbeschreiblich zerbrechlichen Substanz des Noch-nicht oder Schon-bald. Wir zogen vorsichtig wie an einem seidenen zusammen­geknülltem Tuch, dass keine Kanten und Enden hat, sodass sich ein Raum auftut – der Raum des Werdens oder des Es-wird. Bloß nichts dahineinstellen, bloß nicht gewaltsam diesen unbeschreib­lich kindlichen Raum befüllen, sondern lassen und abwarten, nur immer von außen streicheln und zupfen, sodass sich aus ihm heraus etwas gebären könne. Über die Tage entstand eine rege Geschäftigkeit des Zupfens und Aufspannens dieses Raumes. Aus fünf Geburtshelfern wurden achtzig und in ihrer Mitte begann sich etwas zu regen.
Ach wie unsäglich zerbrechlich ist doch eine solche Art des Zusammenarbeitens und wie gleichsam unsäglich lebendig und fröhlich ist als ein solches aus einer Gemeinschaft heraus geborenes Kind. Es fällt noch so oft auf Knie und Nase, es will doch laufen und spielen. Wie unendlich zart und un­scheinbar ist es dennoch und entwischt jeder trüben Aufmerksamkeit wie ein huschender Schimmer im Augenwinkel. Doch sieht man hier und dort seine Spuren. Unbemerkt hat es zum Beispiel Steine zum Spiel zusammengetragen, hat sich daraus einen kleinen Windfang gebaut, aus dem es keck herausblinzelt, wie aus einem großen staunenden Auge. Auch hat es am Abend ein Lied angestimmt, sodass alle einstimmen wollten und das Singen sich bis in die Nacht hineinzog. Einmal ging es an den Wasser­fall, die Tropfen zu zählen, später schlief es auf irgendjemandes Schoß schon beim Abendessen ein, als soeben die Sonne hinter den Weinbergen verschwand. Aus einer Wiese mit Bäumen wurde ein Hängegarten mit lauter Matten, wie ein Wohnzimmer. In den frühen Morgenstunden ging es schon Blumen pflücken, sodass das ganze Haus in gelbem Sonnenlicht erstrahlte; und Äpfel, Birnen. Meistens sang es vor sich hin und hüpfte leis von Mund zu Mund …auf der Töne goldnen Schwingen. – Ja, ein Hauch von Frühling brachte dieses Kind in den Spätsommer und läutete damit den süßen Herbst ein.
Wenn das alltäglich Leben ganz vollkommen ist und nichts herausfällt, kann eine Gemeinschaft ent­stehen. Auch wenn das Bild der Insel vielleicht widerstrebt, mag es doch hinkend wenigstens in den Kreis treten. Eine Insel ist ja nicht denkbar ohne einen ganzen Ozean und die Existenz weiterer In­seln. Auch werden sie heute oder morgen neu aus dem Meer geboren, finden über ewige Zeitläufe zueinander oder versinken wieder in den Fluten. Hebe deinen Blick. Eine kleine Insel wird schnell umrundet sein, aber auch der Ozean wird auf einer kleinen Insel eine größere Bedeutung haben. Nicht zur Insel hin, sondern ins Leben hinein. Isolation bedeutet nicht nur für das Kind den baldigen Tod, aber eine Insel muss es erst werden, aufsteigend aus den Fluten des Vergessens und noch nicht Erinnerns, um nach Herzen Ausschau halten zu können, wach die Hände reichend.
So haben wir den Hain des Akadeimos auf unsere Insel gelockt, sie baldigst wieder zu verlassen. Haben unter Buchen und anderen Sonnenschirmen das gemeinsame Studieren immer wieder neu probiert. Selbstbildung verantwortet in Gemeinschaft wurde zu einer Gemeinschaftsbildung in im­mer neuer Verantwortung eines jeden Selbstes. Selbst Verantwortung bildet Gemeinschaft und Ge­meinschaft bildet Selbstverantwortung. Alle Wendungen wurden versucht und wurden zur Grund­lage eines Herantastens an die Frage nach Was-denn-Freiheit-heute-eigentlic- sei. Ist sie über­haupt? Verweilt sie? Oder huscht sie gleich dem zarten Kind durch den Augenwinkel des müden Betrachters? Kann ich sie festhalten – meine Freiheit? Meine Freiheit!? Die ich meine…
Die Cusanus Studierendengemeinschaft lud ein und achtzig Menschen wurden zu Gastgebern und gewährten gastfreundlich Einlass dem freien Geist des fragenden Denkns, des Fragens nach Freiheit, des weniger noch Hörens, besser Lauschens nach Freiheit. Musste auch manche hart gewordene Vorstellung erst mit den scharfen Meißeln der Gedankenklarheit und der liebevollen Kraft der Herzenswärme tätig handelnd aufgeraut und aufgebrochen werden – darunter verborgen bewegte es sich doch, entwischte frech jedem neueren Zugriff der ungeübten Hand und wollte erst gezähmt werden, immer wieder rufend: Willst du mein Freund sein? Ja.
Was also bleibt zu sagen? Wir haben weiter geübt. Und werden es weiter und wieder tun! Es gab keinen eigentlichen Anfang und auch kein Ende dieser Herbstakademie. Sie wurde lediglich zu ei­ner Bündelung der Kräfte in Zeit und Raum, die die Arbeit eines Jahres in einer Woche versuchte. Denn manchmal ist es gut, sich für eine kurze Zeit mit Vielen zusammenzutun und ein Stück Wegs gemeinsam zu gehen, gemeinsam zu tun. Das gibt nicht nur Kraft, schärft auch die eigene Blick­richtung und erweitert die Perspektiven ungemein. Jeder auf seinem Weg… So wurde diese Tagung zu einer nicht notwendigen aber wesentlichen Wegkreuzung vieler, zu einem Ort des Übens und des einmal die Sache wirklich in die Hand nehmens. Für das Es-war dieser Kreuzung kann man nur dankbar sein. Für den weiteren Weg jedes Einzelnen bedarf es nichts mehr und nichts weniger, als ein liebevolles So-sein-lassen eines jeden für den andern – bis zur nächsten Begegnung im Du.

Aufgeraute Freiheit?

von Helene Schaefermeyer

“Freiheit ich will dich aufrauen”, so lautet der Beginn des Gedichtes der Schriftstellerin Hilde Domin, welches zum Thema der Cusanus Herbstakademie 2016 wurde. An diesem Thema — das als lyrischer Gedichtanfang die Herbstakademie fortführte und ihr zu ihrem zweiten Geburtstag verhalf — ist zweierlei auf bemerkenswerte Weise interessant: Zum einen, die gigantische Aufgabe dieses akademischen, künstlerischen und sozialen Unterfangens, nämlich zu dem Begriff der Freiheit etwas denken und sagen zu können, was zweifelsohne noch nie zum leichten philosophischen Metier gehörte, zum anderen, die merkwürdig anmutende Formulierung die Freiheit “aufrauen” zu wollen. Was lässt sich unter “aufrauen” verstehen? Was fordert Hilde Domin, wenn sie eine rauere Freiheit fordert? Eine “glasplittergespickte” Freiheit sogar? Kann man etwas aufrauen, um es vor Glätte zu bewahren? Vor Belanglosigkeit? Nicht zuletzt vielleicht vor der eigenen Fraglosigkeit? Hilde Domin verrät in ihrem Gedicht über die Freiheit nichts, sie definiert sie nicht neu, sie fordert laut und dringlich Aufgerautheit. Diese Forderung als Herausforderung, diese Fragen nehmen rund 80 interessierte Menschen nicht bloß offen, sondern mutig an, um sechs Tage lang in der Ökonomie, der Philosophie und der Kunst, jener glatten oder rauen Freiheit auf die Spur zu kommen; wobei jedoch die Frage nicht lautete: Was ist Freiheit? Und erst recht nicht: Bin ich frei? Vielmehr könnte die Frage folgendermaßen gelautet haben: Wie wird ein Mensch, wie werde ich, freiheitsfähig? Es ging also nicht um einen Zustand, nicht um eine neue Definition, sondern allenfalls um eine Fähigkeit, neu und immer neu zu definieren, zu korrigieren, zu kontextualisieren, der Freiheit einen Freiraum zu schaffen im Zusammenspiel von Wort und Begriff.

Nicht nur das gute Wetter und die grüne Höhe auf der in fast unverschämter harmonischer Schönheit die Jugendherberge erstrahlte, machte die Veranstaltung zu einem Freiheitsforschungsort, auch die vielen Beiträge, Diskussionen, ob am Mittagstisch, beim Kaffee oder Abendprogramm, ermöglichten, dass ausgerechnet zweierlei gelang: Erstens, über Freiheit etwas zu sagen, sie “überdenkbar” zu machen, ohne dabei all zu sehr in den bequemen Bahnen der philosophisch-historischen Hauptstraßen zu gehen. Zweitens, eine Fragwürdigkeit als Aufrauen zu ermöglichen, die nicht von Distanz und Verständnislosigkeit zeugt, sondern von einer Nähe als Anfang alles Verstehens. “Aufrauen” hieß für die Cusanus Herbstakademie, blickfähig zu werden für die Ecken und Kanten des Freiheitsbegriffs.