Kritik der Lehre – Lehre der Kritik?

Ein gedanklicher Flickenteppich und Versuch einer gemeinsamen Reflexion im Anschluss an den Workshops „Lehre und Kritik“, Kassel, den 9./10.10.15

abwechselnd und ineinandergreifend von Theresa Steffestun und Marius Braun.

Menschen kritisieren die Bahn, wenn sie zu spät kommt. Menschen kritisieren einander, wenn sie ein Verfehlen beim Anderen bemerken. Politik wird ebenso kritisiert, wie das Vorgehen des Trainers des Lieblingsfußballvereins. Kritik findet am Küchentisch ebenso statt, wie in den Zeitungen, im Stammlokal und am Bahnhof. Gemeckert wird anscheinend überall, aber ist das: Kritik?

Ist Kritik nur die Äußerung, dass etwas nicht den eigenen Vorstellungen entsprechend läuft? Was ist der Unterschied zwischen Mäkelei, Skeptizismus und Kritik?

Bei dem Versuch, mein Verständnis von Kritik in Worte zu fassen, fällt mir auf, wie schwer mir das fällt. An einer Hochschule Ökonomie zu studieren, die sich eine kritische Lehre auf die Fahnen und in die Broschüren schreibt, ist mir wichtig und doch kann ich erstaunlich wenig darüber sagen, was ich damit konkret meine. Grund genug um mich ein Wochenende lang intensiv damit auseinander zu setzen. Was könnte ein besserer Ort dafür sein als ein Treffen von „Betroffenen“ beim Workshop „Hochschullehre und Kritik“ in Kassel.

Bei dem Workshop trafen sich Menschen mit dem Anliegen Universität zu einem Ort auch für marginalisierte Themen und einer Kritik von Macht- und Herrschaftsverhältnissen zu machen. Sie mussten am eigenen Leibe erfahren, dass sie damit selbst eine marginalisierte Gruppe sind, die mit aller Kraft bestehende, verkrustete Macht- und Herrschaftsverhältnisse überwinden muss, um ihre Idee von guter Lehre verwirklichen zu können. Mit diesem Workshop haben sie sich einen geschützten Raum geschaffen, um hochschulübergreifend, sich über die verschiedenen Praktiken des Widerstands und deren Wirkung in der Hochschule und auf sie selbst auszutauschen. Was wie eine Reality Show nach einem Drehbuch Foucaults daher kommt, ist nichts weniger als der Versuch der Bewältigung der eigenen Lebenswelt dieser AkademikerInnen. Wie tun sie das? Sie stellen Fragen. Grundlegende Fragen der Hochschullehre. Was ist gute Lehre? Ist gute Lehre kritische Lehre? Was ist dann kritische Lehre? Was ist Kritik?

Kritik als Kompetenz?

Gehen wir am besten von einem Beispiel aus, das wir gemeinsam diskutiert haben. Ein klassisches und immer noch hochaktuelles Thema kritischer Auseinandersetzung war und ist die Rolle des sozialen Geschlechts (gender) in der Gesellschaft. Heutzutage gewinnt das Thema an Universitäten und Hochschulen unter dem schicken Namen „gender & diversity“ an Aufmerksamkeit, denn heutzutage gehört es zum guten Image einer modernen Hochschule sich dieser Themen anzunehmen. Es gilt möglichst allen Lehrenden Kompetenzen auf diesem Gebiet anzutrainieren, damit behauptet werden kann, im Hochschulbetrieb würde niemand diskriminiert. So weit so unkritisch. In einigen Projekten wird im Zuge dessen versucht, „toolboxes“, also Werkzeugkästen, zur Fortbildung Lehrender zu erstellen. Beruht Kritik in diesem Falle also auf antrainierbaren Methoden oder Kompetenzen, die wie Werkzeuge mit in die Lehre genommen werden können?

Das Urteil der Anwesenden ist deutlich: sicher nicht. Es erscheint geradezu absurd, sich dem Abbau von Machtverhältnissen auf Grund von gender mit einer Methodik zu widmen, die am besten in 1,5-stündigen Seminaren gelehrt werden können (um sie ja vom Hals zu haben). Ein solcher Ansatz kann nicht mehr als ein Feigenblatt sein. Ein Werkzeugkasten ersetzt nicht eine inhaltliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen, ihren Ursprüngen, Symptomen, Zusammenhängen, Erscheinungsformen und ihrer Bekämpfung.

Wenn Kritik keine Methode (Kompetenz) ist, ist sie dann inhaltlich definierbar?

Kritik als Inhalt?

Einige Stichwörter sind schon gefallen: Macht- und Herrschaftsverhältnisse, marginalisierte Gruppen, Widerstand. Definiert das Kritik? Vielleicht. Aber wird es nicht immer neue Anwendungsfelder geben, in den ein kritischer Zugang zu wünschen oder notwendig wäre? Muss Kritik nicht deshalb unabhängig von konkreten Inhalten sein? Geht es nicht vielmehr darum, ob ich mich zu solchen Themen kritisch verhalte?

Was tun die kritischen Menschen bei diesem Workshop?

Sie reflektieren ihre Handlungen mit dem Versuch durch den gegenseitigen Austausch von einander zu lernen und die vereinzelten Akteure und ihre Praktiken miteinander zu vernetzen. Ein Ergebnis dieser Reflexion ist, dass sich die derzeitigen Praktiken des Widerstands auf der Ebene der „Verhältnisbewältigung“ und der Mikropraktiken bewegt. Während das erste darauf abzielt den gegebenen Spielraum so weit wie möglich nach der eigenen Facon zu gestalten, möchten letztere Mikroverhältnisse verändern.

Kritik als Gestaltung!

Kritik ist an dieser Stelle also Voraussetzung und Ziel einer bewussten, gerichteten Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse, zu denen auch unsere eigenen Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen gehören:

„Critical thinking implies freedom by recognizing that social existence, including our knowledge of it, is not simply composed of givens imposed on us by powerful and mysterious forces. This recognition leads to the possibility of transcending existing forces. The act of critique implies that by thinking about and acting upon the world, we are able to change both our subjective interpretations and objective conditions.“

D. Soyini Madison (2005): Critical Ethnography: Method, Ethics, and Performance, 18

So verstanden ist Kritik also etwas völlig anderes als nur der Ausdruck einer Unzufriedenheit. Anstatt nur ein Verhalten anderer zu benennen, das als falsch angesehen wird, eröffnet Kritik die vielfältigen Möglichkeiten, sich selbst und die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, zu verändern und zu gestalten.

Kritik als Empathie!

Zugleich drückt sich die Kritik aber auch in der Art und Weise der Gestaltung aus. Die Praktiken einer aktiven Kritik versuchen oft dasjenige zu etablieren, was zuvor als fehlend oder mangelhaft umgesetzt kritisiert wurde. Solche Praktiken sind sozusagen das Negativ des Kritisierten. Braucht Kritik also, um überhaupt stattfinden zu können, nicht eine Idee, wie gesellschaftliche Verhältnisse sein (oder zumindest wie sie nicht sein) sollten? Wie käme sonst ein Empfinden einer Dissonanz, als Anstoß zur Kritik zustande? Warum gehen aber so viele Menschen an Wohnungslosen, die draußen in der Kälte um Geld bitten, vorbei? Gestehen wir ihnen (den Wegguckern) ein Ideal von Gesellschaft zu, wo niemand gezwungenermaßen ohne Wohnung ist, dann müssen wir auch hier feststellen, dass es doch noch ein wenig mehr braucht, als eine Idee, wie unsere Mitwelt sein oder nicht sein sollte. Anstoß nehmen heißt, sich den Menschen, das Ereignis etwas angehen lassen.

Fassen wir kurz zusammen: Kritik braucht die Fähigkeit zur Empathie, zu dem Empfinden von Betroffenheit. Sie setzt eine mehr oder weniger konkrete Idee, wie Welt gestaltet sein sollte oder nicht voraus und muss sich in bestimmten bewussten Praktiken der Gesellschaftsgestaltung ausdrücken.

Aber wie kommen wir dahin? Was macht eine Kritikfähigkeit aus? Ist Kritik lehrbar?

Kritik und Lehre: ein Widerspruch

Die Fähigkeit, gesellschaftsgestaltend zu werden, ist sicher nicht erreichbar durch ein Lehre, wie sie durch die Bologna II Reform zum Standard an europäischen Hochschulen erhoben wird und größtenteils geworden ist. Die Ausrichtung auf „Kompetenzen“, die von Studierenden zu erwerben sind, soll das gar nicht ermöglichen, werden Kompetenzen doch als Fähigkeit zur Anpassung an bestehende gesellschaftliche Verhältnisse verstanden (→ 1). Kritische Lehre und kritische Bildung werden damit systematisch und vorsätzlich verhindert.

Das genaue Gegenteil macht Kritik aus: sie arbeitet an dem Unhinterfragten, dem Ausgeblendeten, dennnm gesellschaftlich Ausgeschlossenen, sie ist im ersten Schritt also eine Fähigkeit zur Ablösung – von herrschenden Sichtweisen und Verhältnissen. Im zweiten Schritt versucht versucht Kritik aktiv aus diesen marginalisierten (oder negativen) Perspektiven heraus, Diskurse anzustoßen und Gesellschaft zu verändern.

Wie kann eine Hochschullehre nun dazu beitragen, dass Menschen sich kritisch bilden und ihre Kritikfähigkeit ausbilden? Kann das in unserem Verständnis von „Lehre“ überhaupt geschehen? Mit Thomas Kuhn gesprochen ist Lehre dadurch charakterisiert, dass sie geltende Überzeugungen, Annahmen und Methoden durch Wiederholung und Einübung weitergibt (→ 2). Sie hat deshalb die Tendenz, eine Normalwissenschaft, einen Mainstream, zu bilden, der gerade die im Hintergrund stehenden, institutionalisierten Inhalte verdeckt. Wie oben erwähnt, ist es aber gerade Aufgabe der Kritik, verdeckte Inhalte zu artikulieren, zusammenzufügen und zu kontextualisieren.

Während Lehre in einigen Fällen, wie in den modernen Wirtschaftswissenschaften, zu einer Indoktrinierung verkommt, indem sie vorgefertigte Antworten auf konstruierte Fragen gibt, zeichnet sich Kritik durch eine fragende Haltung aus. Grundsätzlich sind Lehre und Kritik also durch zwei entgegengesetzte Bewegungen charakterisiert. (→ 3)

Es reicht keinesfalls aus, eine schlichte Reflexionsfähigkeit zu fördern. Diese ist vielleicht Voraussetzung für Kritik, darf aber nicht zum einzigen Ziel werden, nur weil sie wiederum gut akademisch abprüfbar ist. Kritische Bildung muss sich dabei ernst nehmen, auch die eigenen Praktiken, Normen und Inhalte nicht zu stark zu reproduzieren und sich inhaltlich mit Bereichen auseinandersetzen, die ihr bisher fremd erscheinen, um sich in dieser Auseinandersetzung selber verändern und gestalten zu können.

Kritik und freie Bildung

Kritik, so wie sie hier ansatzweise angedeutet wurde, kann nicht gelehrt werden. Ebenso wie man einen anderen Menschen nicht bilden kann, sondern jede und jeder sich nur selbst bilden kann, ist Kritik etwas, das auf den Einzelnen und die Einzelne zurückfällt. Betroffenheit kann man dem Einzelnen und der Einzelnen ebenso wenig abnehmen, wie das Gefühl der Dissonanz, die persönliche Stellungnahme und den Schritt in die aktiv-bewusste Gestaltung von Welt. Gleichermaßen verhält es sich mit freier Bildung. Aber obwohl man diesen Prozess als Einzelne und als Einzelner durch zu tragen hat, muss man ihn nicht alleine durchlaufen. An der Cusanus Hochschule merken wir, was es heißt uns gemeinsam zu üben, voneinander zu lernen, biographische Gegenüber zu sein und auf diese Weise existentielle Entwicklungsprozesse in Gemeinschaft zu vollziehen. Wir haben bisher den Eindruck, dass es sich mit Kritik und der Befähigung dazu ähnlich verhält.

Wie kann eine Institution, wie eine Hochschule nun Raum dafür sein? Was bedeuten oben angestellte Überlegungen für einen Arbeitskreis „Hochschullehre und Kritik“?

In unseren Augen muss eine Institution, die Ort der Kritik sein will, autonom sein. Nur eine selbstbestimmte, freie Institution kann (selbst-) kritisch sein.

Kritische Bildung kann nicht einfach Lehre sein, sondern muss allen Beteiligten ermöglichen, sich selbst und ihre Mitwelt zu erforschen, in Frage zu stellen, neu zu entwerfen und zu verändern. Falls es eine „Schlüsselkompetenz“ für Kritik gibt, dann ist sie eine Anti-Kompetenz und heißt Mut. Kritische Menschen müssen mutig sein, die eigenen Grenzen zu sprengen. Eine institutionalisierte Kritik, wie sie an der Cusanus Hochschule angestrebt wird, sollte sich in diesem Sinne zur Aufgabe machen, die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft, des wissenschaftlichen und akademischen Diskurses und damit der gesellschaftlich-politischen Realität zu überwinden – und das immer wieder.

Wir bitten um Kritiken.

(→ 1) Siehe Jochen Krautz (2009): Bildung als Anpassung, zu finden unter: http://fachbereich-bildungswissenschaft.de/wp-content/uploads/krautz-bildung-als-anpassung.pdf (letzter Zugriff 10.12.15)

(→ 2) Thomas Kuhn (1962), Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, The University of Chicago Press (3. Aufl. 1996)

(→ 3) Eine Ausführliche Auseinandersetzung mit den Gefahren einer Akademisierung von Kritik ist zu finden bei Radostin Kaloianov (2014): Kritik und Migration, Unrast Verlag