Doppelte Premiere


Gedanken zur 1. Herbstakademie der Cusanus Studierendengemeinschaft

 

von Leon Pelzer

 

Auf dem Weg zur ersten Herbstakademie der Cusanus Studierendengemeinschaft, meiner ersten Tagung dieser Art, gehen mir die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Welche Menschen werde ich treffen? Was treibt sie an? Wieso sind sie zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort? Welche Gedanken werden bewegt?

Neben vielen Fragen habe ich aber auch eine recht konkrete Vorstellung vom Geschehen vor Ort. Es wird wahrscheinlich viel los sein. Viele Begegnungen, Gespräche, Gedankenexperimente und die Tagung will auch logistisch und kulinarisch organisiert werden. Ich stelle mir das Ganze sehr lebendig und beweglich vor. Eine Art Fluss, der aus vielen Dingen besteht. Aufstehen, Frühstücken, Singen, Vortrag, Kurse, Mittagessen, Gemeinsame Aktion, Workshops, Abendessen und abendliches Beisammensein in verschiedenen Formen.
Als ich ankomme, ist dieser Fluss der Dinge schon auf ein beträchtliches Maß angeschwollen. Noch stehe ich am Ufer und nehme das geschäftige Treiben nur wahr. Es fließt an mir vorbei. Die Studierenden haben die Jugendherberge auf Vordermann gebracht. In der Küche laufen die Vorbereitungen fürs Abendessen und auf dem Hof wird noch schnell die „Akademiefahne“ gehisst.
Der offizielle Start der Herbstakademie, die Begrüßung auf dem Marktplatz der Altstadt, ist der Punkt, an dem ich in den Fluss springe. Ich lasse mich treiben. Bekomme während des angeleiteten Kennenlernens einen ersten Überblick über die teilnehmenden Menschen. Dazu gesellen sich Eindrücke aus dem ersten gemeinsamen Plenum, das in der Abendsonne auf der Wiese vor der Jugendherberge stattfindet. Beim Abendessen entstehen die ersten Gespräche und der Impuls­Vortrag der Cusanus Studierendengemeinschaft bringt mich zum ersten mal mit dem „Kugelspiel“ des Nikolaus von Kues in Kontakt. Eine Perspektive auf den Menschen, die mir sehr gefällt und die mich wohl noch länger begleiten wird.
Meine Vorstellung und der tatsächliche Ablauf der Tagung scheinen sich in etwa zu decken. Am Nachmittag des zweiten Tages entschließe ich mich dann, nicht an der gemeinsamen Aktion, dem Einkochen von Marmelade, teilzunehmen. Ich entsteige dem Fluss und klettere zurück ans Ufer. Suche mir einen Ort, an dem ich über das bisher erlebte nachdenken kann. Ich habe das Gefühl, dass sowohl die Organisation der Herbstakademie als auch der Tagungsort, die Jugendherberge und ihr Gelände, genug Freiraum für meine Entscheidungen bieten. Meine Wahrnehmung ist, dass es in der Gesellschaft oftmals ein Ungleichgewicht gibt. Ein Ungleichgewicht zwischen Individuum oder alleine sein und in Gemeinschaft sein. Es gefällt mir, dass die Herbstakademie Raum für beides bietet. Den Raum für Austausch und gemeinsamens Handeln und den Raum für zeitnahes Reflektieren der Ereignisse.
Zeitnahes Reflektieren von Ereignissen ist auch ein Thema beim ersten öffentlichen Bildungsgespräch der Cusanus Hochschule. Für mich einer der Höhepunkte der Akademie, nachdem ich verstanden habe, was genau dieses Bildungsgespräch ist. Studierende und Hochschule machen ein Gesprächsangebot an alle interessierten Menschen in Bernkastel­Kues und Umgebung. Wir treffen uns ja schließlich nicht nur, um uns in unserer „Blase“ wohl zu fühlen und uns vom Rest der Welt abzukappseln. Das Bildungsgespräch ist also ein lebensnaher praktischer Versuch, den Kontakt zu den unmittelbar uns umgebenden Menschen herzustellen.

Das finde ich gut. In dem Gespräch geht es um Handeln, Denken und Fühlen und in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Bei mir entstehen sofort mehrere Fragen: Was fühle ich? Was denke ich? Wie handle ich? Wie bringe ich das zusammen? Tue ich das, was ich denke? Passen mein Handeln und mein Denken zusammen? Wie fühlt sich das überhaupt an?

Der Untertitel des Bildungsesprächs lautet: „Bildung als Weg zu seiner reflektierten Alltagspraxis“. Dieser Titel und der Verlauf des Gesprächs lassen bei mir den Eindruck entstehen, dass es nicht ganz verkehrt zu sein scheint, sich die Frage zu stellen, wann man sich aktiv ins Geschehen begibt und wann man sich zurückzieht und sein Denken und Handeln reflektiert. Es ist also genau die Frage, die ich mir während der Herbstakademie immer wieder stelle. Wo will ich mitmachen und wo ziehe ich mich lieber zurück und versuche das Ganze mal zu reflektieren? Denn das ist für mich die nächste spannende Frage. Wie genau geht das denn? Das Reflektieren? Wie fühlt sich das an? Wie komme ich eventuell zu einem bewussteren (Er­)Leben? Auch an dieser Stelle finde ich im Bildungsespräch erste Anhaltspunkte. Ein Gesprächsteilnehmer berichtet von seiner Alltagspraxis: Er versucht, meist am Abend, ein paar stille Minuten für sich zu finden und die Ereignisse des Tages noch mal Revue passieren zu lassen. Es soll ihm dabei helfen zu verstehen, was gut und was weniger gut gelaufen ist und was diese Geschehnisse mit ihm zu tun haben. Ein anderer Gesprächsteilnehmer berichtet, dass er immer mal wieder den eigenen Sprachgebrauch überprüft. Insbesondere die Adjektive, die er verwendet. Welche benutzt er häufiger und wieso haben gerade die sich eingeschliffen? Was hat das mit seiner Sicht auf die Welt zu tun? Eins ist klar: Einfach ist die Selbstbeobachtung nicht. Wenn ich dem ernsthaft nachgehen will, gibt es noch viel zu tun.

Erstmal tue ich allerdings etwas anderes. Der Nachmittag und auch die gemeinsame Aktion sind vorbei. Es ist Zeit für das Abendessen. Also gehe ich auf die Terrasse. Wir haben Glück mit dem Wetter und sitzen mit herrlichem Ausblick über Mosel und Weinberge an den weiß gedeckten Tischen. Ebenfalls Glück haben wir mit dem Essen. Das wird unter der Regie der Eltern eines Studenten zubereitet. Wir Akademieteilnehmer entscheiden selber wann und wie oft wir dabei helfen wollen.

Das (vegetarische) Essen und die Entscheidungen für meine persönlichen „Denkpausen“ statt der gemeinsamen Aktion führen mich dann zu einer Frage, die mich nicht mehr loslässt: Gibt es eine Möglichkeit für mehrere Individuen in einer Gruppe oder Gesellschaft zu leben, ohne so etwas wie Regeln zu haben? Regeln verstehe ich hier in einem sehr weiten Sinn. Darunter können ähnliche Ideen, ähnliche Ideale oder implizite „Verhaltensregeln“ gehören. Wieso ist da für mich ein Reibungspunkt? Ich glaube, dass jeder Mensch eine individuelle Persönlichkeit mit Wünschen, Bedürfnissen, Zielen etc. ist. Sobald es aber eine Gruppe oder Gesellschaft gibt, scheint es irgendwelche Regeln zu geben, die nicht mehr jedem Individuum mit seinen Bedürfnissen zu 100% gerecht werden (können). Noch vertrackter wird es, wenn zu den Regeln dieser Gruppe oder Gesellschaft gehört, dass jedes Individuum sich frei nach seinen Bedürfnissen und Wünschen entwickeln kann. Um es etwas konkreter zu machen: Mein Eindruck ist, dass sich die „westliche“ Gesellschaft auf die Fahnen schreibt, dass in ihr jeder das erreichen und machen kann was er will. Wie groß der implizite Rattenschwanz an Verhaltensregeln bei dieser Äußerung ist, vermag ich wahrscheinlich gar nicht zu überblicken. Eins springt mir allerdings ins Auge. Man kann alles machen was man will, vorausgesetzt man ist leistungsbereit. Wer in „unserer“ Gesellschaft nicht bereit ist zu arbeiten, der hat einen schweren Stand. Nach der Schule (und dem fast obligatorischen Auflandsaufenthalt) gibt es in der Regel zwei Möglichkeiten: Ausbildung oder Studium. Was ist nun aber mit den Individuen, die dieser impliziten Regel der Leistungsbereitschaft nicht entsprechen? Da scheint die Idee von der Gruppe, in der jeder Mensch seine individuellen Entwicklungsmöglichkeiten hat, an ihre Grenze zu kommen.

An diesem Punkt komme ich nun wieder zur Herbstakademie und der Cusanus Hochschule.

Mein Eindruck ist, dass sich dort viele Menschen zusammen finden, die viele der gesellschaftlichen Regeln hinterfragen. Es soll ein Ort werden an dem es um die Bildung der einzelnen individuellen Menschen geht. Kein Schleifen von leistungswilligen Rädchen, die dann im Arbeitsmarkt eingesetzt werden können. In diesem Licht sehe ich auch die Herbstakademie. Eine offene und vielfältige Tagung, die für jedes Individuum offen steht. Mein ganz persönlicher Irritationspunkt ist ein Satz in der Einladung zur Herbstakademie (Auch im Bildungsgespräch kommt das Auftreten von Irritationspunkten als Bestandteil von reflektiertem Handeln zur Sprache). „Die Mahlzeiten werden vegetarisch, auf Wunsch auch vegan angeboten werden“. Ich frage mich was mit den Menschen ist, die Fleisch essen möchten. Dieser Gedanke löst eine kleine Denkkaskade aus, die zu den oben geschilderten Überlegungen bzgl. der Regeln einer Gruppe führen und mir persönlich eine sehr eindrückliche Erfahrung ermöglichen. Denn ich fühle mich stark zu den Menschen auf der Herbstakademie hingezogen. Ich finde dort Ideen und Vorstellungen, die denen von mir sehr ähnlich sind. Die Herbstakademie und die Cusanus Hochschule scheinen eine echte Alternative zu dem zu sein, das mich abstößt. Dazu zählen zu große Universitäten, die zu Ausbildungsorten verkommen, unauthentische Unternehmen oder mir unverständliche und befremdliche Politik und Parteien. Solchen Unternehmungen oder Gruppen habe ich in meiner Kritik häufig vorgeworfen, gar nicht das zu sein, was sie vorgeben. Zum Beispiel offen und frei für jedes Individuum. Ich brachte meine Kritik in dem plakativen Satz zum Ausdruck: „Du kannst hier alles machen was du willst so lange du dich an unsere Freiheit hälst“ oder „Das geht so nicht, das ist nicht die Freiheit die wir (die Gesellschaft, die Gruppenmitglieder) meinen“. Aber genau dieses, mein Kritikziel, finde ich in dem Satz der Einladung. „Innerhalb der von uns gesetzten vegetarischen Rahmenbedingungen hast du die Wahlmöglichkeit“. In der Gruppe, die ich interessant finde, gibt es also genau das, was ich an den anderen kritisiere. Nun stehe ich da. Kaum bewegt sich das Geschehen in eine Richtung, die mir zusagt, erhebt das Ideal den Finger und sagt: „Moment mal Freundchen, da stimmt etwas nicht“. Mein Ideal, dass es eine Gruppe oder Lebensgemeinschaft geben könnte, die jedem Individuum gerecht wird, steht auf der Kippe.
Im Rahmen der Herbstakademie finde ich keine Lösung mehr für dieses kippende Problem. Das macht nichts. Fragen animieren zur (geistigen) Bewegung. So entlässt mich die Herbstakademie mit mindestens einer konkretisierten Frage und ich finde: sowohl für die Herbstakademie als auch für mich war es eine gelungene doppelte (Tagungs­) Premiere.

“Epilog”:

Beim Schreiben dieses Textes fällt mir ein, dass ich mal bei Rudolf Steiner etwas gelesen habe, das mir nicht sehr plausibel erschien. Er schreibt in der Philosophie der Freiheit, dass das Handeln des Menschen auf der höchsten Stufe der Sittlichkeit weder von einer vorher bestimmten charakterologischen (inneren) Anlage noch von äußeren normativen Prinzipien bestimmt wird. Eine Handlung soll dann aus der moralischen Intuition heraus erfolgen (S. 158f). Im Lichte des von mir als problematisch empfundenen Spannungsfeldes zwischen Gruppe und Individuum erscheint mir dieser Gedanke nun doch nicht mehr so unplausibel. Vielleicht erübrigen sich Regeln wenn wir fähig sind, aus einer wie auch immer gearteten Intuition heraus zu handeln und miteinander zu leben.

Herbstakademische Gedanken

von Helene Schaefermeyer

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Wer nicht denken kann, was er handelnd zu verantworten hat,

darf nie Verantwortung tragen.

Wer nicht handeln kann, wo er verantwortlich wäre,

denkt nicht genug.

Wer nicht verantworten kann, was er denkt,

handelt trotzdem.

Wer verantwortlich ist,

hat bereits gehandelt.

Wer denkt,

handelt bereits.

Wer handelt,

sollte verantwortlich denken.

Denn, was wir heute verantworten, damit werden die Zukünftigen denken und handeln müssen.

Wie unsere Großeltern handelten, können wir heute weder verantworten, noch wirklich denken.

So müssen wir lernen, für unsere Kinder das Denken zu verantworten, aus welchem sie später Handelnde werden.

Diese Sätze als Vorspiel und Nachklang einer Tagung am Ende der Welt, nein am Rande vom Nirgendwo, auch nicht, sondern am Anfang einer Hochschule, die sich den Namen Hochschule mehr als verdient hat. Sie liegt nämlich 1. hoch oben auf einem Berg, jedenfalls teilweise (wie das geht, finden Sie selber heraus) 2. handelt es sich um eine wirkliche Schule: nämlich, eine Gedankenschule und einen neuen Schul(ungs)gedanken.

Die Herbstakademie in Bernkastel-Kues behandelte ein zukunftsträchtiges, gegenwartsmächtiges Thema: Die Frage nach der Bildung, nach Denken und Handeln und wie bereits angekündigt nach Verantwortung. Das sind große Worte und vor allem noch viel größere Aufgaben, die sich dahinter verstecken. Und mit großen Aufgaben und Fragen lässt sich Großes anstellen. Das haben die Teilnehmer der Herbstakademie bemerken dürfen. In die eine wie in die andere Richtung ging man auf die großen Worte zu, mal ganz musikalisch laut, dann ganz musisch geduldig, dann wieder denkend drastisch oder einfach handwerklich ordentlich. Jeder machte mit. Alle brachten sich ein. Gemeinsam schaufelte, putzte, polierte man die Begriffe frei. Bildung ist heute Selbstbildung. Schule ist heute Selbstschulung, und das Denken sollte für die Zukunft ein Selbstdenken sein. Das wurde auf der Herbstakademie deutlich und soll in der kommenden Zeit mit der Cusanus Hochschule ständig deutlicher werden. Für diese Art von eigenen Gedanken war die Tagung vom 8.-12. September 2015 an der Mosel ein gelungener erster.

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