Über Husserl, gelbe Wassermelonen und transzendentale Maulwürfe

Eindrücke zum Philosophie MA-Seminar „Phänomenologie“ (1.-5.7.2015) von Alexander Capistran

Morgens um 8 warte ich in Wittlich auf den Bus, der mich zur Hochschule bringen soll. Im Sonnenschein sehe ich einen dicken Mann mit einem langen Umhang, der kunstvoll golden bestickt ist. Er sagt mir, dass das ein Kaftan sei und verneint meine Frage, ob er ihn aus religiösen Motiven tragen würde. Einen Moment lang denke ich, das könne kein Zufall sein, der Mann, Walter, sieht so geistig aus, er muss einfach irgendetwas mit der Cusanus Hochschule am Hut haben. Schließlich ist es deren Anliegen, die menschliche Gesellschaft im Denken und Handeln auf einen geistigeren Weg zu bringen. Stellt sich aber als falsch heraus, die Erscheinungen trügen eben manchmal.
Damit hatte ich schon vor Beginn des „Phänomenologie“-Seminars eine wichtige Lektion gelernt. Hat man es schließlich bis Bernkastel-Kues geschafft, empfängt einen ebenfalls ein Tableau  überbordender Erscheinungen: Weinberge, Fachwerkhäuser, Schwäne auf der Mosel, sich biegende Kirschbäume im Stiftsgarten und Touristen mit Selfie-Sticks. Hat man sich durch letztere hindurchgedrängt, tritt man in das Renaissancerathaus der „Stadt“ ein, um schließlich in der zweiten Etage die Räumlichkeiten der Cusanus Hochschule zu betreten. Das passt alles zusammen hier, schwere Eichentüren, eherne Steinböden, sanfter Stuck– die Cusanus Hochschule als postmoderner Glaskasten würde nicht funktionieren. Obwohl, der Schein trügt vielleicht auch da, denn so von gestern sind sie alle nicht, die CusanerInnen.
Im Seminarraum wird über die unsägliche Hitze philosophiert – es ist Juli und er zeigt sich von seiner aufgeklärtesten Seite. Bevor es zur Abkühlung in die Mosel schwimmen geht, wird aber noch zünftig losgedacht: Professor Harald Schwaetzer leitet dieses Seminar und erläutert den vielleicht acht Studierenden die Grundkonzepte und Entstehungshintergründe der Phänomenologie aus den Tiefen seines Gedächtnisses. Es dauert nicht lange, bis wir das erste Mal auf „Intentionalität“ zu sprechen kommen, ein, wenn nicht der Grundbegriff der Phänomenologie. Schwaetzer ist mit seinem Latein erst am Anfang, wenn er uns darlegt, dass „Intentionalität“ von „intendo“ herrührt, was so viel wie „sich auf etwas hin spannen“ bedeutet. Genau so ein Auf-etwas-Gerichtetsein des Bewusstseins ist nämlich das zentrale Aha-Moment des Intentionalitätsbegriffs; Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas und das nicht als mentales Abbild oder göttlich eingehauchte Evidenz, sondern als konkreter Akt des Bewusstseins, sich dies und jenes vorzustellen oder an den und den zu denken. Das kann man nur schwerlich wegdiskutieren. Umso interessanter, als der Begründer der Phänomenologie im 20.Jh., Edmund Husserl, darauf seine gesamte Phänomenologie aufbaut. Mit Husserl haben wir am nächsten Vormittag aber ganz schön zu kämpfen. Dass er neben der Philosophie auch als Mathematiker aktiv war, merkt man spätestens beim Lesen seiner Schriften, die ein bisschen wie Mathe geschrieben sind: Absolut exakt und ultrakompliziert. Da helfen auch das selbstgesprudelte Sodawasser und die gelbe Wassermelone nicht. Was ist denn nun der Unterschied zwischen dem empirischen Ich und dem transzendental-phänomenologischen Ich? Gar nicht so schlecht, mit dem unzugänglichsten Text eingestiegen zu sein, von jetzt an geht es humaner weiter: Maurice Merleau-Ponty macht in lyrisch-poetischem Ton die These stark, eine wahrhafte Wissenschaft müsste vom Leib („Ein Geflecht aus Sehen und Bewegung“) ausgehen und täte nicht schlecht daran, sich an der Malerei zu orientieren. Und bald schon, als Prof. Schwaetzer über Carl Gustav Carus‘ „Erdlebenbilder“ referiert, taucht dieser Merleau-Ponty’sche Gedanke schon in historisch früherer Form auf: Für Alexander von Humboldts (Natur)Wissenschaftsverständnis ist „veredelte Landschaftsmalerei“ ein zentrales Mittel der Erkenntnis der Naturphänomene. Hier kriege ich eine Idee, was das Studium an der Cusanus Hochschule auszeichnet: Das Zusammenbringen von Bögen, das elegante Springen, was eigentlich ein Gleiten ist, zwischen Inhalten und Themenfeldern, die andere nur im Traum zusammendenken. Der 19.Jahrhundert- Psychologe Franz von Brentano sei „randvoll Mittelalter“ weiß Harald Schwaetzer. Wie geht es zusammen, dass eine Hochschule, die sich ganz offen und in praktischen Aktionen für ein wirklich nachhaltiges Wirtschaften und Denken einsetzt, im Namen einen Spätmittelalterphilosophen trägt, zu dessen Zeiten Kapitalismus, Braunkohle und die Dampfmaschine noch Quarks im Schaufenster waren? Das geht sehr wohl zusammen, aber nur wenn man mal die Theorie vom „dunklen Mittelalter“ fahren lässt, oder wie der Phänomenologe sagen würde, wenn man „Epoché“ betreiben würde und sich wirklich auf das einließe, was die Geschichte zu bieten hat. Erst das ist wahre geistige Meisterschaft: in großen Bögen ohne Bedeutungsverlust zu denken, im gleichzeitigen Streben nach Bedeutungszuwachs: Hier scheint mir das möglich zu sein.
Fünf Tage Seminar von neun bis neunzehn Uhr haben es in sich. Ein Glück ist an allen Anwesenden eine gehörige Portion Humor verloren gegangen, sodass mit einem Lachen manch verfahrene Denksackgasse überwunden wird; Professor Schwaetzer hilft dabei mit Äußerungen, wie: „Man muss die synthetische Vorgängigkeit des Dackels zur Kenntnis nehmen.“ Ja, was denn sonst? Aber auch sonst ist der Rahmen voller Anschiebungen und Aufrüttelungen: Morgens wird von Kommilitone Jakob, der hauptberuflich Chorleiter ist, eine halbe Stunde Singen angeboten. Jan und ich trinken als einzige Unmengen Kaffee; Jan ist Gaststudent und also vorerst nur bei diesem Seminar dabei. Er war über 20 Jahre Lehrer für Sport und Religion und hat jetzt nochmal Lust, geistig in die Vollen zu gehen. Seine Tochter studiert im Wirtschaftsstudiengang; also ist das hier auch ein intergenerationelles Lernfeld. Natürlich heben auch unsere Professoren und Professorinnen den Altersschnitt: Just an einem Abend nach unserem Seminar ist der Antrittsvortrag des neuen Ökonomie-Professors Walter Ötsch im überehrwürdigen Ratssaal im Hochschulgebäude-Rathaus. Er spricht österreichisch über die Notwendigkeit von kulturgeschichtlicher Forschung und ihrem Zusammenhang mit der Ökonomie – besonders hängen geblieben sind bei mir aber vor allem seine Ausführungen über Schillers Unterscheidung von „philosophischen Köpfen“ und „Brodgelehrten“; während erstere schöpferisch an Wissen und Wahrheit orientiert sind, zeichnen sich letztere durch „kleinliche Ruhmsucht“ und durch eine selbstgefällige, ängstliche „Sklavenseele“ aus – ein Verdikt, bei dem sich wohl viele Schlips tragende Juniorprofessoren berechtigterweise auf den denselben getreten fühlen würden. Etwas früher am selben Tag überfällt die gesamte Hochschulkompanie samt Studierenden, Professoren und anderen mir unbekannten, aber wichtig anmutenden Kapazitäten den gegenüber liegenden Italiener, um spontan 40 Pizzen zu bestellen. Es ist tatsächlich im Gespräch, eine Mensa aufzumachen. Immer noch ist es unsagbar heiß draußen. Als ich mich am Leitungswasser laben will, entdecke ich den frischgebackenen Professor, wie er sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen lässt – das kühle den Organismus am effizientesten, versetzt er, und ich bin verdutzt, hier scheinbar an keinem Örtchen sicher vor neuen Bildungserfahrungen zu sein.
Zurück um den runden Tisch erfährt das Seminar eine höchst willkommene Abwechslung, ebenso wie zwischen den Jahrhunderten, gleiten wir nun durch die Formate der Erkenntnis, nehmen von Texten Abschied zugunsten einer augenscheinlichen Betrachtung von Kunstwerken. Zuerst hören wir einen Vortrag von Nadja zu Michelangelo, in dem faszinierende unvollendete Atlas-Statuen gezeigt werden, die in höchstem Maße zum Philosophieren anregen. Ganze drei Stunden grübeln wir über ein Bild des Malers Hans am Ende (was für ein Name), das auf den ersten Blick lediglich ein Bauernhaus samt Bauern und ein paar Birken zeigt. Dass man daran schon die ganze Welt aufmachen kann, ohne dass es unfundiert oder gar langweilig würde, ist eine für alle äußerst fruchtbringende Erfahrung. Am nächsten Tag, an dem ich leider nicht mehr teilnehmen kann, gleitet die Seminarintentionalität in den Bereich der Musik über. Ganze 15 Takte Heinrich Schütz schaffen die Kommilitonen phänomenologisch zu dechiffrieren – Harald Schwaetzers Feststellung scheint sich selbst bei uns zu bewahrheiten: „Phänomenologen ist eins gemeinsam: Sie brauchen allesamt dreimal so viel Zeit, wie andere Philosophen.“ Man könnte dazu sinnbildlich sagen: Es braucht eben Zeit, sich den Dingen zu öffnen, sinnlich mündig zu werden, bzw. zu einem wirklich, im umfassenden Sinne Sehenden zu werden. Das macht den Menschen im Vergleich zu anderen Kreaturen schließlich aus, oder um es mit Professor Schwaetzer zu sagen:  „Ein geistig freier, transzendentaler Maulwurf wäre an dieser Stelle überfordert.“ Das kann ich nachempfinden, als mir am nächsten Morgen im Halbschlaf die unieigene Kaffeekanne runterfällt und zersplittert– vielleicht habe ich ja auch keine Augen im Kopf?
Zuguterletzt komme ich wieder in Wittlich am Bahnhof an, wo die Züge in die Welt rollen, und was sehe ich da: Der Kaftan-Mann watschelt in Jesuslatschen vor mir über den Bahnhofsplatz, aber nicht etwa um zum Gebet anzusetzen oder ein geistiges Buch aus der Tasche zu holen, nein: er geht zum offenen Bahnhofsausschank und stürzt sich ganz unkontemplativ ein Bier hinunter. „Bis morgen Walter!“, ruft der Bahnhofskneipier ihm hinterher, als er wieder zum Bus tappelt. Aber der Umhang sah wirklich extrem vielversprechend aus, denke ich, und bestelle mir auch ein alkoholhaltiges Kaltgetränk.

Beginn der Herbstakademie & Bildungsgespräch

Heute beginnt unsere Herbstakademie! Die Vorbereitungscrew ist schon seit Tagen dabei alles vorzubereiten und die Jugendherberge zu polieren. Nun glänzt sie, die Sonne scheint und wir freuen und auf schöne gemeinsame Tage mit vielen neuen Denk- und Hadlungsanstößen!

Alle die nicht auf der Herbstakademie dabei sein können sind herzlich eingeladen am Freitag den 11.9. um 20Uhr zu dem ersten öffentlichen Bildungsgespräch der Cusanus Studierendengemeinschaft zum Thema: „Handelnd Denken – Denkend Handeln: Bildung als Weg zu einer reflektierten Alltagspraxis?!“ in der Güterhalle im alten Bahnhof von Bernkastel-Kues zu kommen. Dort werden verschiedene Menschen aus akademischen, unternehmerischen und zivilgesellschaftlichen Kontexten dieser Frage nachgehen und gemeinsam nach Möglichkeiten und Bedingungen suchen, wie Bildung zu einem verantwortungsvollen Denken und einer reflektierten Alltagspraxis beitragen kann.